Ein persönliches Vorwort
von Wolfgang Schwalenstöcker
Die so gar nicht frömmelnde Pastorin, Martina Wehrmann, war die Seelsorgerin während meiner Therapiezeit in der Hellweg-Klinik in Oerlinghausen. Ich kann mich an meine Begeisterung für die themenorientierte Gruppe "Sinn des Lebens" erinnern, den sie so anders als erwartet moderierte und alle Teilnehmer, auch die mit sehr unterschiedlichen intellektuellen Begabungen, erreichte. Nie hat sie, auch in den spannenden Einzelgesprächen eine missionarische Ambition erkennen lassen. Immer konnte sie, meine Alkoholerkrankung akzeptierend, mir den Eindruck aufrichtiger Zuwendung vermitteln. Nach meinem Herzinfarkt besuchte Sie mich im Krankenhaus, ja, sie kümmerte sich regelrecht. Ich verdanke Ihr eine Vorstellung von christlicher Nächstenliebe, Seelsorge im Wortsinn also. Darüber, dass sie für unser Suchthilfe-Magazin in unregelmässigen Abständen Kolumnen zu schreiben bereit ist, freue ich mich besonders.
Martina Wehrmann's Kolumne
Mein Großvater ...
hat mich geliebt. In seiner Phantasie gab es mich schon, bevor ich überhaupt zur Welt gekommen bin. Seinem Hund Flocki brachte er bei, freundlich zu Kindern zu sein. Der Bollerwagen, den er für mich baute, wurde rot angestrichen. Er sollte schon von weitem zu sehen sein, wenn er mit mir durchs Dorf fuhr. In den schönsten Farben malte er sich aus, wie es wäre, mit mir durch die Augustdorfer Senne zu laufen. Alles wollte er mit zeigen und erklären, die Pflanzen, die Vögel und die Tiere des Waldes.
Mein Großvater starb am 21. August 1958. Ausgerechnet am Geburtstag seiner Frau. Als Kind dachte ich, dass die Familie vielleicht deshalb nicht so gut auf ihn zu sprechen ist. Eigentlich wurde gar nicht über ihn gesprochen. Lange Zeit war es, als hätte es ihn nie gegeben. Die alte Schatzkiste mit den vergilbten Fotos der Familie ist so voll, dass sie manchmal nur schwer zu geht, aber von meinem Großvater gibt es nur ein einziges Bild: Keine Gefühlsregung ist darauf zu erkennen. Streng und etwas verloren schaut er in die Kamera. Nichts und niemand hat ihn zu einem Lächeln bewegen können. Die Familie nicht, das Leben nicht und der Fotograf erst recht nicht. Tief in seinem Inneren hat er sich wohl nicht nur nach einem Grund zum Lächeln gesehen, sondern auch nach einem Grund zum Lachen – nach Unbeschwertheit und Lebensfreude. Was er nicht hatte, konnte er auch nicht geben.
Die Menschen in seiner Umgebung dachten nicht mit einem Lächeln an ihn. Sie sahen ihn mit Seufzen und Unbehagen. Gründe dafür hatten sie genug. Er war nie da, wenn sie ihn brauchten. Zum Beispiel als es darum ging, die schweren Jahre 1945/46 durchzustehen. Andere Männer waren zur damaligen Zeit auch nicht da, wenn man Sie brauchte. Auch an Sie dachte man mit Seufzen und Sorgen. Aber die waren im Krieg oder in Gefangenschaft. Die hatten eine Aufgabe. Die durften weg sein. Die durften auch Sorgen machen. Mein Großvater machte Sorgen, obwohl er da war. Da, im Sinne von anwesend. Mehr nicht. Er fiel aus, wenn es darum ging, Vater zu sein. Er fiel aus, als es wichtig gewesen wäre, Ehemann und Ernährer der Familie zu sein. Er fiel auf als jemand, der immer ausfiel im Zusammenleben seiner Familie. Die Familie war wie ein schwarzes großes Loch und jeder kämpfte auf seine Weise dagegen an, in seinen zerstörerischen Strudel hingezogen zu werden.
Ich weiß heute: Mein Großvater war kein schlechter Mensch, wie alle gedacht haben. Mein Großvater war ein kranker Mann. Er wareinsam. Er war Alkoholiker. Eine Krankheit, die erst zehn Jahre nach seinem Tod von der WHO anerkannt wurde und die bis heute große Mühe hat, in das Bewusstsein der Menschen zu gelangen.
Mein Vater und meine Mutter waren dieser Krankheit ausgeliefert, ohne selbst betroffen zu sein, es war mein Großvater, der trank, sie aber ertranken fast in ihren Sorgen und Problemen, hin- und hergerissen in Liebe und Verzweiflung, Angst und Verachtung.
Wenn es denn wahr ist, dass es keine Zufälle gibt, dann ist es wohl eine folgerichtige Fügung und eine schicksalhafte Notwendigkeit, dass ich als Enkelin eines Alkoholikers heute als Seelsorgerin in einer Klinik für suchterkrankte Menschen tätig bin.
Annehmende Grundhaltung, die ich unseren Patienten und ihren Schicksalen entgegenbringe, hätte meinem Großvater sicherlich auch gut getan. Sie kommt nicht aus mir selbst. Die Kraft hätte ich nicht immer. Sie entsteht aus dem, was ich von Gott verstanden habe, der sich den Menschen immer zugewandt hat, wenn es ihnen an Achtung, Wertschätzung und Liebe gefehlt hat. Nicht nur in biblischer Zeit, auch heute kann eine glaubhaft annehmende Atmosphäre in der Begegnung einen heilsamen Impuls setzen. Mehr nicht, denn der Weg in die Gesundheit ist ein langer Weg, dessen Ziel anders ist, als erwartet. Am Ende wartet nicht die Abwesenheit von Krankheit. Am Ende wartet der angstfreie Blick in den Spiegel, ohne Gefühle von Schuld und Scham. Und an diesem Ende beginnt ein neuer Weg, der entsteht, indem er gegangen wird. Man muss ihn aber nicht alleine gehen. Zwei Freunde haben sich inzwischen als Weggefährten eingestellt. Sie heißen Selbstwert und Selbstachtung und sind fest entschlossen, zu bleiben.
Mein Großvater starb, bevor er sie kennen gelernt hat. Er musste ohne sie leben. Manchmal, wenn ein Tag sehr anstrengend war, dann steht er mir vor Augen und ich wünschte, ich hätte nicht nur ein Bild von ihm, sondern auch eine Erinnerung an ihn. Die Fahrt mit dem roten Bollerwagen, die hätte mir gefallen.
Einen guten Weg durch eine gute Zeit wünscht Ihnen
Ihre Pastorin Martina Wehrmann .
— Lassen Sie uns gemeinsam mit Mahalia Jackson das Vaterunser beten, wenn Sie mögen —



