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Ursachen von Essstörungen
Die Gründe für Essstörungen sind vielfältig und können individuell sehr verschieden sein. Allen Arten von Süchten liegen multifaktorielle Ursachen zu Grunde; eventuell gibt es einen bestimmten Auslöser - die Hintergründe sind jedoch immer vielschichtig.
Biologische Faktoren
Das genetische Potential eines Organismus wird im Augenblick seiner Empfängnis festgelegt, doch das Ausmaß, in dem sich dieses Potential entfaltet, hängt von seiner Interaktion mit der Umgebung ab. Manche Genotypen gedeihen in einer bestimmten Umgebung und in einer anderen nicht, oder eine spezielle Umgebung kann gewisse Anlagen verstärken und andere hemmen Die Untersuchungen, die zum Thema Genetik und Essstörungen gemacht wurden, sind bis jetzt sehr widersprüchlich ausgefallen. Manche Studien zeigen, daß von eineiigen Zwillingen in der Regel nur einer erkrankt und schließen daher eine genetische Disposition mehr oder weniger aus. Andere Forschungsergebnisse besagen das Gegenteil. Eindeutige wissenschaftliche Erkenntnisse gibt es noch nicht, , aber man kann jedoch jetzt schon davon ausgehen, daß Essstörungen keine rein erblichen Krankheiten sind, wobei die Möglichkeit von "begünstigenden" Faktoren nicht ausgeschlossen werden kann. So ist zum Beispiel auch der Neurotransmitter Serotonin, dem u.a. bei der Regulierung von Gefühlszuständen und der Nahrungsaufnahme eine bedeutende Funktion zukommt, Gegenstand vieler Untersuchungen.
Soziokulturell - gesellschaftliche Faktoren
Bei den Ursachen von Essstörungen spielen sicherlich der "Schlakheitswahn" und der schon erwähnte Diätkreislauf eine Rolle, sie können jedoch nicht allein für das Krankheitsbild der Essstörungen verantwortlich gemacht werden. Besonders bei Frauen kommt neben den Ansprüchen nach einem schlanken Körper auch noch mit eine Vielzahl von anderen Anforderungen hinzu: Erfolg und Durchsetzungsfähigkeit lassen sich nur schwer mit den als typisch weiblich zugeordneten Eigenschaften wie Sensibilität, Einfühlungsvermögen, Warmherzigkeit und Nachgiebigkeit vereinbaren. Die Verbindung von Kindern und Karriere steht in starkem Konflikt zu den alten Rollenverteilungen und -vorstellungen. Je weniger eine Frau ihre eigenen Bedürfnisse kennt und je schlechter ihr Selbstbewußtsein ausgebildet ist, desto mehr versucht sie, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Um den Vorstellungen der Familie, der Mannes, der Kinder und der Gesellschaft zu entsprechen und die dazugehörigen Konflikte auszuhalten, gibt es oft nur einen Weg - den Weg in die Essstörung.
Familiäre Faktoren
Von großer Bedeutung, ob Menschen Essstörungen bekommen oder nicht, ist die jeweilige psychische Entwicklung innerhalb der Herkunftsfamilie. Abgesehen von den Eßgewohnheiten einer Familie (z.B. häufige Diäten der Mutter) können auch andere Faktoren die Entstehung von Essstörungen begünstigen. Die betroffenen Familien wirken nach außen hin oft perfekt; Konflikte und Emotionen werden jedoch lediglich totgeschwiegen. Dieses zur Schau gestellte Zusammengehörigkeitsgefühl verhindert jede Art von gesunder Individualität: Kinder können sich innerhalb der Familie nicht entfalten und selbständig werden. Auf diesem Weg kann kein gesundes Selbstbewußtsein aufgebaut werden. Die Abgrenzung zur Familie gelingt meist nur schwer - hier haben viele Essstörungen ihren Anfang. Die Betroffenen lehnen sich damit gegen Erwartungen auf und versuchen, sich von den Eltern zu lösen. Gleichzeitig signalisieren sie jedoch das Bedürfnis, umsorgt zu werden. Das Ausdrücken eigener Bedürfnisse kann durch eine Essstörung geschehen - so gelingt im Konflikt zwischen Anpassung und Autonomie eine Abgrenzung, ohne die Regeln zu brechen oder die Erwartungen der Familie zu enttäuschen.
Säuglinge und Kleinkinder können ihre Bedürfnisse oft noch nicht eindeutig artikulieren. Eltern können manchmal schwer erkennen, was ihr Kind möchte und adäquat darauf reagieren. Manchmal hat es Hunger und bekommt nichts, dann ist es satt und zufrieden und muß trotzdem essen. Wird Nahrung als großer "Schnuller" ohne Rücksicht auf die tatsächlichen Gründe für das Unbehagen des Kindes oder als Belohnung für "braves" Verhalten verabreicht oder als Bestrafung für unerwünschtes und mißbilligtes Verhalten verweigert, wächst das Kind verwirrt heran und wirde unfähig, verschiedene Bedürfnisse voneinander zu unterscheiden. Es fühlt sich hilflos in der Steuerung seiner biologischen Triebe und emotionalen Impulse, sodaß hier die Grundsteine für eine Essstörung oder aber für ein gesundes Eßverhalten gelegt werden.
Magersüchtige Mädchen entwickeln z.B. ihre Essstörung häufig in der Pubertät als Abgrenzungskampf gegen ihre Eltern, und wollen unter keinen Umständen so werden wie die eigene Mutter. In erster Linie wird der eigene Körper abgelehnt. In der sogenannten "anorektischen" Familie gibt es in der Regel keine offenen Konflikte, die Probleme werden "unter den Teppich gekehrt". Nach außen herrscht harmonische Eintracht. Zwischen den Familienmitgliedern gibt es wenig Distanz und Eigenständigkeit. Das Magern betrachten die Mädchen und jungen Frauen als einzige Möglichkeit, wenigstens über den eigenen Körper Autonomie zu besitzen.
Esssüchtige Frauen mußten schon sehr früh Verantwortung übernehmen und eigenständig sein. Häufig wurde ihnen zu früh die Sorge um ihre jüngeren Geschwister übertragen. Obwohl bei den betroffenen Frauen eine große Bedürftigkeit besteht, endlich selbst einmal etwas zu bekommen, gelingt ihnen dies in der Regel nicht auf dem direkten Weg, sondern über den Umweg des "Gebens". Die bulimische Frau, die in der Regel, ähnlich der anorektischen Frau, eine sehr verwobene Mutter-Tochter-Beziehung hat, ist häufig sehr bemüht, nach außen alle an sie gestellten Anforderungen zu erfüllen. Sie kann als "Superfrau" gesehen werden, die eine brave Tochter für die Eltern ist, eine attraktive Frau für den Partner und leistungsorientiert für den Arbeitgeber ist. Mit großer Anstrengung versucht sie nach außen diesen unterschiedlichen Rollenanforderungen gerecht zu werden, und entstehende Konflikte werden mit dem Körper ausgetragen. Eß-Brech-Anfälle sind, wenn auch sprachlos, als Protest gegen die massiven, oft nicht zu vereinbarenden Anforderungen zu verstehen. Das Erbrechen erleben viele Frauen als symbolische Reinigung von Fremdansprüchen.
Häufig finden sich in der Biographie der Patientinnen Ereignisse, die auf mehr oder weniger schweren sexuellen Mißbrauch hinweisen, wobei die Täter meist aus dem Bekanntenkreis oder der Familie kommen. Kinder, die kein gesundes Selbstwertgefühl aufbauen konnten, versuchen um jeden Preis, die Erwartungen der Familie zu erfüllen und auf diesem Weg Anerkennung und Liebe zu bekommen. Sie wagen nicht, Grenzen zu ziehen und zu widersprechen und werden damit zu idealen Opfer
Individuelle, persönlichkeitsspezifische Faktoren
Als Grundkonflikt bei Essstörungen wird die Suche nach der eigenen Identität angesehen. Häufig ist sie begleitet von langjährigen inneren Kämpfen zwischen Abhängigkeit und Selbstbestimmung. Anfangs innerhalb der Familie, später in Beziehungen zu Partnern und im öffentlich-gesellschaftlichen Leben. Esssüchtige haben meist ein äußerst instabiles Selbstwertgefühl und versuchen, sich Liebe und Anerkennung durch Leistung oder Anpassung zu verdienen. Frauen mit Essstörungen sind oft perfektionistisch veranlagt, denn sie haben das Gefühl, sich anderen ständig beweisen zu müssen und nichts, was sie tun, ist gut genug. Ziele, die erreicht wurden, werden entweder konsequent verleugnet und ignoriert oder durch neue, höhere ersetzt. Die Ansprüche, die die Betroffenen sich selbst gegenüber haben, sind in der Regel völlig übertrieben und können daher gar nicht erreicht werden. Der eigene Körper wird konsequent abgelehnt und alle Versuche, sich mit ihm auseinanderzusetzen und anzufreunden, werden genauso abgeblockt wie positive Kommentare von anderen Menschen. Viele Betroffene erwecken das Eindruck, sich gar nicht helfen lassen zu wollen. Die Sucht ist das einzige, worauf sie sich verlassen können, denn nur hier erleben sie hin und wieder ein Gefühl von Macht und Kontrolle über ihr Leben. Die Essstörung ermöglicht ihnen, unangenehme Gefühle nicht spüren und nicht ausdrücken zu müssen. Frauen, die von Essstörungen betroffen sind, haben grundsätzlich Probleme mit Nähe und Distanz; sie haben nicht gelernt, ihre Grenzen richtig wahrzunehmen. Bei Übergewichtigen offenbart es sich in ihrem Körperfett als unscharfer Ich-Grenze, bei Bulimikerinnen in der extremen Durchlässigkeit ihrer Grenzen - sie lassen zuviel hinein und müssen es dann gewaltsam wieder hinausbefördern - und bei Magersüchtigen in einem Zuviel an Grenzziehung - sie lassen zuwenig in sich hinein. Esssüchtige sagen immer "ja", Bulimikerinnen immer "ja, aber" und Magersüchtige immer "nein".
Quelle:
Stangl's Arbeitsblätter




