Experten-Interview
Dr. med. Ahmad Bransi ist stellvertretender ärztlicher Direktor des GPZ - gemeindepsychiatrisches Zentrum Lippe. Suchthilfe-Magazin sprach mit ihm über die medizinischen und sozialen Aspekte einer Entgiftungsbehandlung. Das Gespräch führte Wolfgang Schwalenstöcker.
Besonders danken wir Herrn Dr. Bransi für seine Bereitschaft, Fragen von Betroffenen als Experte zu beantworten. Stellen Sie bei Bedarf hier Ihre Frage ![]()
Suchthilfe-Magazin
Suchthilfe-Magazin
In der Therapiekette zur Entwöhnung von stoffgebundenen Suchtmitteln nimmt dien Entgiftung einen bedeutenden Rang ein. Das GPZ – gemeindepsychiartrisches Zentrum Detmold. Was genau ist die Funktion des GPZ’s innerhalb dieses Therapiebausteins?
Dr. Bransi
Das GPZ ist eine „Akut-Klinik“ für psychiartrische Erkrankungen. Die Station für Suchterkrankungen ist die Anlaufstelle für eine Entgiftung. Das bedeutet das Auswaschen des Suchtmittels aus dem Körper. Während dieses Vorgangs können körperliche Entzugssymptome auftreten. Das sind Symptome wie Schwitzen, Zittern, Unruhe, Schmerzen oder Unwohlsein. Unsere Aufgabe ist es, diesen Entzug zu behandeln, aber gleichzeitig sehen wir natürlich neben diesen körperlichen Befindlichkeiten auch die seelische Komponente. Wir versuchen, eine Motivation für eine weiterführenden Behandlung bei dem Patienten zu erzeugenund zu klären, , was waren eventuell die Ursachen für die Suchterkrankung, wie ist sein Suchtverhalten, wie schwer ist seine Erkrankung. Welche Nachfolgetherapien kommen für ihn infrage. Wie hoch ist seine Bereitschaft, anschließende therapeutische Maßnahmen in Angriff zu nehmen. In den meisten Fällen empfehlen wir den Besuch einer Tagesklinik, in der der Patient für eine stationäre Therapie gewissermassen qualifiziert wird. Kurz gesagt, die Suchtstation ist die Schaltstelle, den Patienten substituierend bei der Entgiftung zu begleiten, ohne dass er körperlichen Schaden nimmt.
Suchthilfe-Magazin
Ist eine Entgiftungsklinik ein Krankenhaus und welcher Voraussetzungen bedarf es, um bei Ihnen aufgenommen zu werden?
Dr. Bransi
Die Entgiftungsstation ist eine Station des Krankenhauses. In dieser behandeln wir, wie gesagt, die Entzugssymptome. Wenn ein Patient ein Suchtmittel über lange Zeit konsumiert hat, so kann es bei plötlzichem Absetzen zu Komplikationen kommen. Solche Komplikationen können sehr unangenehm und sogar gefährlich werden. Ich nenne hier das Alkohol-Entzugs-Delir, oder, es können Krampfanfälle auftreten. Der Patient kommt also zu uns, um diesen Gefahren zuhause alleine nicht ausgesetzt zu sein, die wir, unter ärztlicher Aufsicht, durch Gabe von Medikamenten, lindern bzw. verhindern können. Hier möchte ich auch auf psychische Komplikationen, wie oben erwähnt, verweisen. Grundsätzlich ist es erforderlich, dass ein Patient die Einweisung seines Hausarztes vorlegt.
Suchthilfe-Magazin
Wie gehen Sie mit Akut-Problematiken um. D.h.: Kann ein Patient damit rechnen, wenn er die Überweisung seines Hausarztes in den Händen hält, umgehend einen Platz bei Ihnen zu bekommen?
Dr. Bransie
Natürlich wird er bei uns aufgenommen, jedoch verfügen wir nur über wenige Betten in der Suchtstation. Es kann vorkommen, dass er zunächst in eine Warteliste eingetragen wird und er eine entsprechende Zeit warten muss, bis er aufgenommen wird. Die Ausnahme bilden die Notfälle, Patienten z.B. die zuhause alleine versucht haben, das Suchtmittel abzusetzen, ins Delir gefallen sind oder es haben sich Krampfanfälle gebildet. Diese Patienten werden natürlich sofort aufgenommen. Sie werden zunächst auf eine andere Station geleitet, auf der die akuten Zustandsbilder behandelt werden und sodann erst auf die Suchtstation verlegt.
Suchthilfe-Magazin
Wird eine Eingiftung in der Regel auf einer geschlossenen Station Ihrer Klinik vorgenommen?
Dr. Bransi
Diese Frage ist mit einem klaren Nein zu beantworten. Die Entgiftungsbehandlung findet auf absolut freiwilliger Basis statt. Der Patient, der zu uns kommt, hat von sich aus den freien Willen, sich entgiften zu lassen. Hin und wieder kommt es vor, dass auch auf der geschlossenen Station Patienten, die an stoffgebundenen Süchten erkrankt sind, behandelt werden. Das ist dann der Fall, wenn alle anderen infrage kommenden Stationen belegt sind, und der Patient aufgenommen werden muss, oder wenn andere Umstände die Behandlung komplizieren, wenn sich die Patienten sich in einem Alkohol- oder Drogenrausch befinden und es zu befürchten ist, dass sie sich selbst gefährden, oder wenn sie agressiv sind. Dann muss man sie beschützen und sie verbleiben für die Dauer des Rausches auf der geschlossenen Station, und werden anschliessend auf die Entgiftungsstation verlegt. Ich betone aber hier: Die Entgiftung ist eine freiwillige Entscheidung des Patienten. Kein Mensch kann dazu gezwungen werden.
Suchthilfe-Magazin
Was heisst „geschlossen“. Muss der Patient damit einverstanden sein, oder bedarf es einer richterlichen Anordnung.
Dr. Bransi
Die geschlossene Station ist besser gesagt eine beschützende Station. Auf dieser Station sind die Türen geschlossen, der Patient kann sie nicht einfach verlassen. Er muss erst eine Schwester oder einen Arzt um Öffnung der Türen bitten. Aber auch auf der geschlossenen Station werden viele Patienten freiwillig behandelt, d.h. sie sind einverstanden damit, dass Sie sich auf dieser Station behandeln lassen wollen. Das trifft zu, wenn z. B. Notfälle aufgenommen werden müssen. Es kommt aber auch vor, dass Patienten unfreiwillig auf die „Geschlosse“ kommen. Das sind solche, die von Ordnungsbeamten oder von der Polizei zu uns eingeliefert werden. Voraussetzung allerdings ist, dass eine Sucht- oder sonstige psychiartrische Erkrankung , wie Psychose, Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegt. Diese Patienten werden dann für die Dauer der akuten Phase der Erkrankung auf der geschlossenen Station behandelt. Das muss ein Ordnungsbeamter anordnen und innerhalb von 24 Stunden muss der Patient von einem Richter angehört werden. Dieser entscheidet dann anhand seines Eindrucks und der Anamnese des Patienten, ob der Patient auf der geschlossenen Station verbleiben muss, oder ob er in eine „offene“ verlegt werden kann. Dieser Beschluss kann jederzeit, nach Besserung des Zustandes des Patienten auf ärztlichen Rat wieder aufgehoben werden
Suchthilfe-Magazin
Fällt nach Abschluss der Entgiftung auch eine ärztliche Entscheidung in Ihren Bereich, ob der Patient selbst für sich sorgen kann, oder ob er einen Betreuer benötigt?
Dr. Bransi
Wenn man alkoholkrank ist, bedeutet es nicht automatisch, dass man eine Betreuung benötigt. Nach Abschluss der Behandlung muss in Einzelfällen geprüft werden, ob man weiter alleine für sich sorgen kann. Tatsächlich gibt es aber Schweregrade des Krankheitsbildes, wo man objektiv erkennen muss, dass der Patient ausserstande ist, einige Angelegenheiten des Lebens problemlos zu bewältigen. In einem solchen Fall wird eine Betreuung empfohlen. Die Entscheidung, ob jemand eine Betreuung benötigt, wird nicht von uns alleine getroffen. Wir führen zunächst ein Gespräch mit dem Patienten selbst und mit seiner Umgebung, mit seinen Verwandten und Freunden. Wenn wir jedoch zu der Ansicht gelangen, dass er Hilfe braucht, um die verschiedenen alltäglichen Situationen und Aufgaben zu meistern, empfehlen wir eine Betreuung. Dazu ist die Einschaltung eines Richters erforderlich, der sich gutachterlich beraten lässt, bevor er die Betreuung anordnet.
Suchthilfe-Magazin
Bitte erläutern Sie das medizinische Procedere einer Entgiftung?
Dr. Bransi
Nach der Aufnahme des Patienten wird eine Anamnese erhoben, d.h. wir ermitteln die soziale und medizinische Vorgeschichte. Wir versuchen herauszubekommen, wie weit seine Krankheit fortgeschritten ist, wie häufig und wie lange und wie heftig er ein Suchtmittel konsumiert hat. Wie sehr ist er motiviert, seine Krankheit zu bekämpfen. Also, es werden sowohl medizinische wie psychologische Aspekte ermittelt, um dann eine Behandlung einzuleiten. Einige Patienten signalisieren uns, dass sie gerne auf eine medikamentöse Behandlung verzichten wollen. Andere hingegen äußern sich eindeutig, und das sind meiste erfahrene Patienten, dass sie ohne Medikamente Entzugssymptome zu erwarten hätten. Solche Symptome versuchen wir mit verschiedenen Medikamenten zu lindern. Neben der medikamentösen Behandlung werden ergo- und psychotherapeutische Maßnahmen als auch individuelle Einzel- und Gruppengespräche angeboten.
Suchthilfe-Magazin
Gibt es ein Standartmedikament zur Behandlung von Entzugserscheinungen?
Dr. Bransi
Es gibt verschiedene Medikamente, die man bei einer Entgiftung unterstützend geben kann, z.B. Distraneurin, Valium Tegetral oder Doxepin.
Suchthilfe-Magazin
Welche Entzugserscheinungen treten in der Regel auf?
Dr. Bransi
Die häufigsten Entzugserscheinungen sind vegetativ bedingt. Zittern, Schwitzen, besonders nasse Hände aber auch Unruhezustände sind die Begleiterscheinungen. Weiter sind Magen- Darmbeschwerden, und unklare körperliche Schmerzen möglich, Bei besonderer Schwere des Krankheitsbildes treten manchmal gefährliche Kreislaufschwankungen oder gar Krampfanfälle auf.
Eine weitere Komplikation kann das Delir sein. Das ist eine Verwirrtheitszustand mit Bewusstseinsveränderung. Der Patient nimmt seine Umgebung und sich selbst anders als normal wahr. Es kann zu lebensbedrohenden Kreislaufzusammenbrüchen kommen. Deshalb muss der Patient auf einer Krankenstation behandelt werden, die für solche Komplikationen gerüstet ist.
Suchthilfe-Magazin
Was ist ein „kalter Entzug“ und ist er ohne ärztliche Aufsicht ratsam?
Dr. Bransi
Ein kalter Entzug ist ein Entzug, in dem das Suchtmittel abrupt ohne medikamentöse Unterstützung abgesetzt wird. Früher war das die Regel. Wir wissen mittlerweile aber, dass Entzug eine sehr unangenehme Angelegenheit sein kann. Patienten von kalten Entzügen berichten, dass die Entzugserscheinungen so heftig waren, dass sie, um sie zu mildern, wieder zu dem Suchtmittel gegriffen haben. Die Empfehlung lautet also, den Entzug in einer Klinik durchzustehen, unter qualifizierten Bedingungen.
Suchthilfe-Magazin
Erfahrene Patienten berichten, dass die Entzugserscheinungen mit der Häufigkeit von Entzügen immer heftiger werden.
Dr. Bransi
Das hat mit der Dauer der Suchterkrankung zu tun. Der Körper hat sich dermassen an das Suchtmittel gewöhnt, dass er ohne es nicht mehr richtig funktioniert.
Suchthilfe-Magazin
Ist die Dauer einer Entgiftung für alle Suchtmittel gleich?
Dr. Bransi
Die Dauer einer stionären Entzugsbehandlung bei stoffgebundenen Suchtmittel beträgt in der Regel zwischen 10 und 21 Tagen. Aber dabei handelt es sich nur um die reine Entgiftung. Der Patient, der vielleicht über Jahre hinweg Alkohol, Heroin, oder vielleicht auch Cannabis oder Medikamente mit Abhängigkeitspotential konsumiert hat. Wir wissen, eine Engiftung alleine reicht nicht aus, um ein suchtmittelfreies Leben zu führen. Danach ist eine, in den meisten Fällen stationäre oder ambulante Entwöhnungsbehandlung, dringend empfohlen. Hier sollte der Patient lernen, wie er sein Leben ohne das Suchtmittel bewältigen kann, wie beispielsweise wird er mit Ängsten und Depressionen fertig. Er muss lernen, mit Rückfällen umzugehen, wo er umgehend Hilfe bekommt.
Suchhilfe-Magazin
Herr Dr. Bransi, wir danken für dieses Gespräch



