Diese Geschichte schrieb Claudia Biehahn
, eine Publizistin im Rahmen eines Diakonie -Projektes während meines Therapieaufenthaltes 2007in der Hellweg-Klinik in Oerlinghausen
Wenn das Leben aus dem Ruder läuft –

Porträt eines Suchtkranken
Wolfgang Schwalenstöcker hat etwa drei Millionen Euro Schulden. Um diesen Alptraum zu überstehen, trank er Alkohol. Jetzt macht er eine Entwöhnungskur in einer Fachklinik für suchtkranke Männer.
Wolfgang Schwalenstöcker ist jemand, den die einen als Pechvogel bezeichnen würden, die anderen als Überlebenskünstler. Schwalenstöcker, 64 Jahre alt, gepflegter Bart, charmantes Lächeln, ist derzeit Patient in der Klinik am Hellweg, einer diakonischen Fachklinik für suchtkranke Männer in Oerlinghausen bei Bielefeld. Die letzten 35 Jahre seines Lebens hat er getrunken. Zum Schluss zwei Flaschen Wodka am Tag. Schwalenstöcker hat etwa drei Millionen Euro Schulden. „Ohne den Alkohol“, sagt Schwalenstöcker, „hätte ich diesen Alptraum nicht überlebt.“
Seine Suchtkarriere begann als die berufliche jäh endete: Schwalenstöcker, ausgebildeter Redakteur und Verlagskaufmann, und nebenbei studierter Theologe und Philosoph, nahm mit 25 die Gelegenheit wahr, sich selbstständig zu machen. Mit seinem ehemaligen Chef gründete er eine Werbeagentur, die sehr gut anlief. Kurze Zeit später kam sein Geschäftspartner bei einem Unfall ums Leben. Weil der Bankkredit für den Start der Agentur über die Lebensversicherung seines Geschäftspartners abgedeckt war, hatte er nun ein Problem: Die Ehefrau seines Kompagnons lehnte das Erbe ab und nahm die Lebensversicherung. Damit hatte die Bank keine Sicherheiten mehr und drehte ihm den Geldhahn zu. „Plötzlich stand ich da mit einer Frau und zwei kleinen Kindern und 500.000 Mark Schulden und wusste gar nicht, was mir widerfahren war.“
Er verlor jede neue Arbeitsstelle, sobald eine Gehaltspfändung eintraf
Auf jeder Arbeitsstelle, die er danach annahm, flog er raus, sobald die Gehaltspfändung eintraf. Was sich die Familie bis dahin angeschafft hatte, kam unter den Hammer. Es folgte die Scheidung. Mit 27 fing er an, als freier Journalist zu arbeiten, unter Pseudonymen, damit man seine Honorare nicht pfänden konnte – und gegen sein Schicksal anzutrinken: „Ich konnte nicht schreiben, bevor ich nicht die erste Flasche Wein weghatte“, erinnert er sich, “und wenn der Text gut war, habe ich mich mit zwei weiteren Flaschen belohnt - wenn er nicht so gut war, habe ich mich damit getröstet.“
In den nächsten 35 Jahren wurde der Alkohol sein ständiger Begleiter. „Er gab mir die Kraft zur Rebellion gegen den Schuldenberg und eine gewisse Unbekümmertheit, sonst wäre ich vielleicht als Penner auf der Straße gelandet oder hätte wer weiß was gemacht. Wenn man in so jungen Jahren so kräftig auf die Schnauze fällt wie ich, lernt man entweder zu kämpfen oder aufzugeben. Ich habe immer weiter gemacht,“ sagt Schwalenstöcker nüchtern. Die Schulden ist er dabei nicht losgeworden. Aber die drücken ihn nicht mehr: „Ich habe eine gewisse Routine entwickelt, damit umzugehen“, grinst er.
Nur irgendwann machte der Körper nicht mehr mit. Schwalenstöcker trank sich an den Rand der Selbstzerstörung. Als Folge des exzessiven Alkoholkonsums ist sein Blutdruck zu hoch, der Magen angegriffen, Leber und Nerven sind stark geschädigt. Der Auslöser, sich professionelle Hilfe zu suchen, war aber erst ein Satz seiner neuer Lebensgefährtin. Wegen ihr ist er vor zwei Jahren nach Detmold gezogen. „Spring doch vom Balkon“, hat sie zu ihm gesagt, „ dann hat das Elend ein Ende.“ „Sie meinte es ernst“, sagt Schwalenstöcker. „Da hab ich kapiert, dass ich etwas tun muss.“
Schwalenstöcker hatte sich vorgegaukelt, jederzeit aufhören zu können
Und nun ist in der Klinik am Hellweg. Seit acht Wochen. Zuvor war er genauso lange in einer zum Klinikverbund gehörenden Tagesklinik. Hier musste er lernen, im Innersten anzuerkennen, was er bisher vor sich selbst verleugnet hat: nämlich alkoholkrank zu sein und künftig abstinent bleiben zu müssen, wenn er noch etwas vom Leben haben will. Für ihn ein langer, harter Prozess, denn Wolfgang Schwalenstöcker gehört zu der Gruppe von Alkoholkranken, die die Therapeuten Intervalltrinker nennen, weil sie zwischen den Trinkphasen lange Pausen einlegen können. Schwalenstöcker hatte sich damit jahrzehntelang vorgegaukelt, jederzeit aufhören zu können, wenn er es denn will. Beim Selbstbetrug geholfen haben ihm Hausärzte, die ihm immer wieder das Medikament Distraneurin verschrieben. Das Mittel mildert die Entzugserscheinungen beim Absetzen des Alkohols. Die Phasen von selbst durchgezogener Entgiftung, monate- und jahrelangem Trockensein und umso härteren Trinkorgien haben ihn schließlich immer tiefer in die Abhängigkeit getrieben.
Daraus versucht er sich jetzt zu befreien: Mit der Hilfe seines Therapeuten Rüdiger Kaempfert, spürt er in vielen einzelnen Gesprächen die Bruchstellen in seinem Leben auf, die ihn anfällig für den Alkohol gemacht haben. In Gruppensitzungen mit anderen Suchtkranken arbeitet er daran, die Signale zu erkennen, die einen Rückfall andeuten könnten. Ein ganz wichtiger Schritt, um nach der Therapie abstinent leben zu können. Und er lernt etwas, das viele Männer hier zum ersten Mal lernen: sich auf ihre Gefühle zu besinnen und darüber zu sprechen. „Bisher habe ich mein Leben nur vom Kopf her gesteuert“, sagt Schwalenstöcker. „Hier lerne ich, meine Emotionen zu entdecken.“ Zum Beispiel in der Beziehung zu seiner neuen Lebensgefährtin und zu seinen drei Söhnen, die er aus seinen insgesamt fünf gescheiterten Ehen hat. Um sie will er sich neu bemühen, ihnen zeigen, dass er es schaffen kann.
Jetzt will er sein Leben neu neu starten
16 Wochen Zeit gibt ihm die Krankenkasse dafür, danach bekommt er noch ein halbes Jahr eine so genannte Nachsorge finanziert: Darunter versteht man vor allem Einzel- und Gruppengespräche in einer Suchtberatungsstelle, die ihm helfen sollen, die Alltagsprobleme zu meistern. Auch der Anschluss an eine Selbsthilfegruppe gehört dazu. Die Rückkehr in die Arbeitswelt vorzubereiten, wäre eine weitere Aufgabe der Nachsorge, mit der normalerweise schon die Klinik für ihre Patienten beginnt. Doch diese Hilfe braucht Wolfgang Schwalenstöcker nicht. Er hat die Dinge selbst in die Hand genommen und ist schon dabei, sein Leben als Autor neu zu starten: In jeder freien Minute zwischen Arbeitstherapie am Vormittag und Gesprächstherapie am Nachmittag sitzt er am PC in seinem Zimmer und schreibt an seiner Autobiographie oder bereitet ein Internet-Projekt für die Stadt Detmold vor – der erste große Auftrag, der ihm wieder beruflich auf die Beine helfen kann.
Wolfgang Schwalenstöcker ist optimistisch: „Es ist das erste Mal, dass ich mir selbst abnehme, dass ich keinen Tropfen mehr anrühren will. Denn mit der nächsten Flasche, das weiß ich, verlier ich alles. Und das will ich nicht. Ich will mit meiner Partnerin noch einige schöne Jahre haben.“
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