Anläßlich einer Presskonferenz, zu der das Suchthilfe-Magazin geladen hatte, kam der Kontakt zu Andre Kalbreier zustande. Er war und ist Redakteur bei der dpa in Düsseldorf. Zu unseren Aktivitäten fand er einen verständnisvollen Zugang: Er ist selber seit 20 Jahren trockener Alkoholiker Er schrieb einen Artikel über uns und bescherte uns damit die Veröffentlichung in mehr als 100 Tageszeitungen. Einen gehörigen Teil unserer Besucherzahlen verdanken wir ihm. Seine und andere Lebensgeschichten sollen Betroffenen Mut machen, auch Ihren gescheiterten oder auch schließlich erfolgreichen Lebensentwurf mit all seinen Brüchen zu schildern.
Lebengeschichten
Andre Kalbreier
Anfang Februar 1989 hatte ich nach 16 Jahren immer härter werdenden Trinkens jenen Punkt erreicht, an dem ich ohne jeglichen akuten Anlass glasklar erkannte: Hier ist Endstation! Du bist fertig! Diese Einsicht hat glücklicherweise angehalten, bis ich einem Kollegen meinen Zustand geschildert hatte. Der Mann war in der Firma für soziale Themen zuständig und hat mich mit der Fachambulanz der Diakonie in Düsseldorf zusammengespannt. Nach einem Erstgespräch mit einem Therapeuten habe ich einen Termin im Landeskrankenhaus zur Entgiftung zehn Tage später erhalten. Von meinem Chef hatte ich kurz danach grünes Licht: "Machen Sie, was Sie wollen, Hauptsache Sie werden trocken. Von der Firma bekommen Sie jede Unterstützung." Danach bin ich abgetaucht und habe die Wartezeit zu einem sehr intensiven Abschied von der Flasche genutzt. Ich hatte ganz klar, dass ich mich danach entweder richtig trocken lege oder mich andernfalls mit dem Saufen umbringe.
Nach der Entgiftung - eine unglaublich intensive und schockierende Erfahrung - bin ich sofort wieder zur Diakonie gelaufen, voller Angst, wieder mit Alkohol in Berührung zu kommen. Ich bekam einen Platz in einer Motivationsgruppe zur Vorbereitung einer ambulanten Therapie - ich hatte ja Wohnung, Arbeitsplatz, eine schwangere Ehefrau und einen Sohn, der "Rahmen" für die Ambulante war also zumindest auf Papier vorhanden. Mein Gesundheitszustand hatte sich innerhalb weniger Monate sehr gut entwickelt - unglaublich, was ein Körper aushält. Während der Motivationszeit hatte ich für Einzelgespräche einen Therapeuten, der sehr auf meine Eigenständigkeit achtete und mich viel selbst versuchen ließ (Kostenübernahme bei der Krankenkasse beantragen, Verhandlungen mit dem Arbeitgeber, weil ich während der Therapie keinen Schichtdienst machen konnte, etc.). Das hat mir viel Selbstvertrauen für später gegeben.
Die Therapie hat mein Leben komplett umgekrempelt und mir zudem meine ziemlich ruinierte Ehe zu Bewusstsein gebracht. In der Zeit wurde ich zum zweiten Mal Vater, diesmal eine Tochter, Gottseidank gesund! Ein anschließende Gruppentherapie mit mehreren Paaren hat mir klar gemacht, dass ich eigentlich sofort die Scheidung einreichen sollte. Ich habe mich das 1990 nicht getraut, trocken legen und die Frau zum Teufel schicken, das ging einfach nicht. Schuldgefühle von den versoffenen Jahren und jetzt, kaum wieder im Aufwind, die Ehefrau wegjagen, die alles erduldet hatte, dazu Schulden im sechsstelligen Bereich, das ging gar nicht. Ein Fehler, wie sich später herausstellte. Und das Angehörige nicht zu knapp von der Sucht des Partners profitieren, habe ich zu der Gelegenheit auch lernen dürfen.
Nach der Therapiezeit war ich ein Weile in einer Selbsthilfegruppe im Kreuzbund Düsseldorf. Das wurde mir schnell zu wenig, weil ich den Eindruck hatte, dass immer wieder dieselben Themen beackert wurden und sich nichts entwickelte. Ich muss dazu sagen, dass ich mein Nichtmehrtrinken sehr kompromisslos und gründlich betrieb - genauso wie ich auch gesoffen habe. Ich wusste genau, wo ich nicht mehr hinwollte. Damit habe ich mir nicht nur Freunde gemacht und es gab Leute, die hätten sich bei einem Rückfall die Hände gerieben. Es folgte eine Suchthelferausbildung und danach eine Gruppenleiterausbildung. Auf der Suche, meiner Alkoholsucht ohne Selbsthilfegruppe verbunden zu bleiben, erhielt ich das Angebot, neben meiner Arbeit bei dpa zusätzlich als Co-Referent für die Diakonie in der Erwachsenenbildung und in Schulen zu arbeiten. So stand ich also vor wildfremden Schülern, Ausbildern, Versicherungs-Abteilungsleitern etc. und erzählte in zweitägigen Seminaren meinen Weg in die Sucht und wieder zurück. Eine harte Art am Thema zu bleiben, ich brauchte wirklich keine Gruppe mehr. Ich habe andererseits sehr positive Rückmeldungen aus den Seminaren bekommen und sehr viel Selbstvertrauen getankt.
In der Firma hatte ich es zum stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden in NRW gebracht und saß damit auch im Gesamtbetriebsrat der dpa. Die Betriebsvereinbarung Sucht bei dpa habe ich maßgeblich mitentwickelt. Auch sonst gab es beruflich fast nur positive Entwicklungen. Im Privatleben hatte ich einen harten Job damit, die Banken von ihren Forderungen in Höhe von 250 000 DM abzubringen und danach bis 2003 die ausgehandelten 80 000 DM abzutragen. 1996 habe ich mich nach jahrelangem Vor-Mir-Her-Schieben von meiner ersten Frau getrennt, unter sehr unerfreulicher Begleitmusik. Mit meiner jetzigen Partnerin, die ganz sicher auch Auslöser war, lebe ich seit dem Jahr zusammen, wir haben im Juni 2004 geheiratet.
Rückblick: Ich habe seit Februar 1989 keinen Alkohol mehr bewusst zu mir genommen. Es ist mir gelungen, mein Leben so neu zu ordnen, das ich mich ausgesprochen wohl darin fühle. Ich gehe offen mit meiner Sucht um und bin mir meiner Krankheit nach wie vor bewusst. Die anfängliche Kompromisslosigkeit - auch gegen mich selbst - ist der Gelassenheit gewichen, dass ich die Mittel habe, mit Krisen umzugehen. Gleichwohl grinst mich der Kollege Alkohol bisweilen von der Seite an. Dann weiß ich wieder, dass ich nicht "gewonnen" habe. Man hatte mir prophezeit, dass ich genauso lange brauchen würde, mein Leben neu zu ordnen, wie ich vorher getrunken habe, was ich nicht glauben konnte. In der Tat hat es 15 lange Jahre gedauert, die materiellen Spuren meiner Krankheit zu beseitigen. Menschlich hat mich - so widersinnig sich das anhört - meine Sucht und die Auseinandersetzung damit unglaublich bereichert.
Sie haben Interesse, auch Ihre Geschichte hier veröffentlicht zu sehen. Dann nehmen Sie bitte Kontakt
mit uns auf . Schon hier sei darauf hingewiesen, das Ihre Veröffentlichung mit Foto und vollem Namen aus Gründen der Authentzität versehen sein muß.



